„Lesen muss man wie Muskeln trainieren“, sagt Harvard-Professor Martin Puchner im Interview mit den Nürnberger Nachrichten vom 19. Oktober 2026.

Ein Satz, der mich nachdenklich macht. Denn wenn Lesen tatsächlich trainiert werden muss, stellt sich die Frage: Warum gelingt es unserem Bildungssystem immer weniger, allen Kindern diese grundlegende Fähigkeit ausreichend zu vermitteln?

Wir sollten uns nicht damit zufriedengeben, schlechte Ergebnisse bei Bildungsstudien festzustellen, politische Schuldzuweisungen auszutauschen und anschließend zur Tagesordnung überzugehen.

Wir müssen herausfinden, warum die Entwicklung so ist – und was wir konkret dagegen tun können.

1. Warum können immer mehr Kinder nicht ausreichend gut lesen?

Die Ergebnisse der Bildungsstudien sind besorgniserregend. Dabei schneidet Bayern im Bundesvergleich zwar weiterhin vergleichsweise gut ab, doch auch hier sind die Leistungen zurückgegangen.

Wir müssen genauer untersuchen, wo die Schwierigkeiten beginnen.

  • Verfügen Kinder bei der Einschulung über ausreichende Sprachkenntnisse?
  • Werden Schwierigkeiten beim Lesenlernen früh genug erkannt?
  • Bleibt im Unterricht genügend Zeit, um Lesen tatsächlich zu üben?
  • Welche Rolle spielen digitale Medien, das Elternhaus und die Unterrichtsgestaltung?
  • Haben Lehrkräfte ausreichend Zeit, um auf unterschiedliche Lernstände einzugehen?

Unser Vorschlag: Sprachentwicklung und Lesekompetenz müssen frühzeitig und regelmäßig überprüft werden. Wer Schwierigkeiten hat, braucht gezielte Unterstützung, bevor sich Lernrückstände verfestigen.

2. Lesen muss wieder selbstverständlich werden

Lesen ist keine Fähigkeit, die man einmal erwirbt und anschließend automatisch beherrscht. Leseflüssigkeit, Textverständnis und Konzentration entwickeln sich durch regelmäßige Übung.

Deshalb sollten wir prüfen, ob feste tägliche Lesezeiten in den Schulen eingeführt oder ausgeweitet werden können.

Dazu gehören gemeinsames Lesen, Vorlesen, Gespräche über Texte und altersgerechte Literatur.

Auch die Zusammenarbeit mit Bibliotheken, ehrenamtlichen Lesepaten und Eltern könnte verstärkt werden.

Unser Vorschlag: Ein verbindliches Lesetraining in der Grundschule, das wissenschaftlich erprobte Methoden verwendet und dessen Ergebnisse regelmäßig überprüft werden.

3. Fördern statt einfach nur versetzen

Die aktuelle Forderung der Bayern-SPD, das Sitzenbleiben abzuschaffen, greift aus unserer Sicht zu kurz, solange nicht geklärt ist, wie bestehende Wissenslücken tatsächlich geschlossen werden.

Natürlich ist es sinnvoll, Kinder gezielt zu fördern. Aber Förderung muss mehr sein als ein politisches Versprechen.

Entscheidend ist nicht, ob ein Schüler am Ende des Schuljahres versetzt wird, sondern ob er die notwendigen Kenntnisse erworben hat.

Unser Vorschlag: Frühzeitige Diagnose von Lernrückständen, verbindliche Förderangebote und nachvollziehbare Lernziele. Ob eine Klassenwiederholung sinnvoll ist, muss anhand der individuellen Situation entschieden werden.

4. Wieder lernen, selbstständig zu denken

Lesen bedeutet mehr, als Wörter zu erkennen. Wer einen Text versteht, muss Aussagen einordnen, Argumente prüfen und zwischen Tatsachen, Behauptungen und Meinungen unterscheiden können.

Das ist gerade in Zeiten sozialer Medien und künstlicher Intelligenz von entscheidender Bedeutung.

Deshalb sollten Kinder und Jugendliche wieder stärker lernen, Fragen zu stellen, unterschiedliche Quellen zu vergleichen und eigene Schlussfolgerungen zu begründen.

Unser Vorschlag: Kritisches Denken, Quellenprüfung und argumentative Auseinandersetzung sollen fester Bestandteil des Unterrichts sein – nicht nur in Deutsch, sondern fächerübergreifend.

5. Eine Demokratie braucht Streitkultur

Besonders bemerkenswert ist Puchners Hinweis, dass manche jungen Menschen Angst vor kontroversen Debatten haben, weil sie niemanden verletzen möchten.

Doch Meinungsverschiedenheiten gehören zur Demokratie.

Schule sollte ein Ort sein, an dem junge Menschen lernen, sachlich zu widersprechen, Argumente auszutauschen und andere Standpunkte auszuhalten.

Respekt bedeutet nicht, dass alle derselben Meinung sein müssen.

Unser Vorschlag: Mehr strukturierte Diskussionen, Debatten und Gesprächsformate im Unterricht. Dabei müssen Meinungsfreiheit, gegenseitiger Respekt und die Unterscheidung zwischen überprüfbaren Fakten und persönlichen Werturteilen vermittelt werden.

6. Was können wir selbst dazu beitragen?

Bildungspolitik darf nicht allein Aufgabe von Ministerien und Schulverwaltungen sein.

Auch Eltern, Großeltern, Vereine, Bibliotheken, Unternehmen und engagierte Bürger können einen Beitrag leisten.

Wir könnten beispielsweise örtliche Lesepatenschaften fördern, Vorleseaktionen organisieren, Gespräche mit Lehrkräften und Eltern führen oder gemeinsam mit Schulen zusätzliche Lernangebote entwickeln.

Dabei geht es nicht darum, den Schulen neue Aufgaben aufzubürden, sondern vorhandene Initiativen zu unterstützen und erfolgreiche Konzepte weiterzuentwickeln.

Unser Ziel: Aus Fragen müssen Antworten werden

Wir möchten mit der Bildungswerkstatt nicht nur Kritik üben, sondern konkrete Verbesserungen anstoßen.

Dazu müssen wir zunächst feststellen, welche Maßnahmen bereits existieren, welche nachweislich funktionieren und wo weiterhin Defizite bestehen.

Anschließend wollen wir mit Fachleuten, Lehrkräften, Eltern und interessierten Bürgern diskutieren, welche Lösungen sich tatsächlich umsetzen lassen.

Denn gute Bildung entsteht nicht durch immer neue Schlagworte und Reformankündigungen, sondern durch Wissen, Übung, klare Lernziele und die Bereitschaft, Probleme konsequent anzugehen.

Wer lesen kann, kann sich informieren.

Wer versteht, kann hinterfragen.

Und wer selbstständig denkt, kann Verantwortung übernehmen.

Genau darum muss es in unserer Bildungswerkstatt gehen.

Birgit Ruder